Allet außer Schinken

J’adoooore la crise.

Posted in Uncategorized by Tante Grazie on Juni 7, 2009

Die Finanzkrise trifft uns alle wirklich hart. Das scheinen uns zumindest alle (sprich: „die Medien“) weismachen zu wollen. Ich persönlich habe von der schlimmsten Krise seit der Vertreibung aus dem Paradies nichts gemerkt: namentlich, weil ich mich in einer sehr dauerhaften Finanzkrise befinde – seit der Vertreibung aus dem Hause meiner Eltern.  Aber das ist ein anderes Thema.

Die Krise wird jedenfalls ordentlich gefeiert und entwickelt sich zum Trend. Obwohl niemand Geld zu haben scheint, läuft z.B.  die Krisen-T-Shirt-Produktion auf Hochtouren. Das ist jedoch nur etwas für Menschen mit Humor. Die echte Fashionista kann über Geldprobleme nicht lachen: wie sollen teure Markenprodukte und Kosmetika noch bezahlt werden? wie kann man ohne Kohle cool und up-to-date sein?

Ganz klar, dass den meinungsbildenden Medien dazu etwas einfällt. Nämlich wenden. Wenden, das tat nicht nur Heinz Erhardt sich an Sie, liebes Publikum, sondern in den Nachkriegsjahren auch der Schneider, um einen abgetragenen Stoff in einen weniger abgetragenen Stoff zu verwandeln. Aber so weit wollen wir hier gar nicht gehen. Wenden wir einfach das Blatt, den Blickpunkt, die Perspektive, den Trend. Die Trendwende nämlich geht zum Billigshoppen. Das schlagende Portmanteau-Wort dazu: Recessionista!

Das bedeutet:  1. Ich bin „in“!, 2. Je billiger desto besser.

Bei Yahoo werden angesichts der Verarmung der Reichen und Schönen ganz olle Beauty-Kamellen rausgeholt: Bier aufs Haar – man merkt den Geruch kaum. Olivenölkuren, Backpulverbleaching und Gurkenmasken. Spätestens hier wird sogar der treuesten Brigitte-Leserin klar, dass das doch alles nicht mehr nötig ist in Zeiten der günstigen und nahezu gleichwertigen Kopie. Fast jedes Markenprodukt gibt es bei dm oder Rossmann als Eigenmarke. Da kann man eh immer sparen, nur bei der Zahnbürste sollte man das nicht tun, wenn man sensibles Zahnfleisch hat.

Vogue hingegen schlägt der geldbeutelgeplagten Frau von Welt ganz einfallsreich Vintage-Klamotten (formerly known as „2nd hand“) vor. Viel zu teuer, meine ich – da ich ja jetzt selbsternannte Expertin am Krisenherd bin. Meine Voraussage lautet: slacker goes slicker. Kik, Takko, Reno, billige Schuhläden mit stinkenden Gummipumps aus Taiwan und Schlussverkäufe bei H&M werden demnächst die Anlaufstellen derjenigen sein, die das Kaufen nicht lassen können. Kreativität und Stilbewusstsein sind bei Billigläden besonders gefragt, da hier der Grad zwischen cool und uncool oft ganz schmal ist.

Für Stylo-Familien aus Berlin Prenzlauer-Berg habe ich noch einen ganz besonderen Tipp aus dem Nähkästchen meiner Oma (väterlicherseits).  „Mitwachsende Kleidung“: Liselotte Kunder widmete ihr in ihrem Buch „Schneidere selbst“ (1966) zwar nur eine Seite, aber dort ist alles erklärt – allerdings für selbstnähende Hausmuttis. Auf moderne Stangenwarenverhältnisse übertragen heißt es soviel wie: Klamotten bisschen zu groß kaufen und dann selbst Hand anlegen. Indem man Säume verbreitert, Gummizüge enger macht, Falten einnäht. Nur welche Stylo-Mutti aus Berlin Prenzlauer-Berg kann das noch?

Vielleicht ist Änderungsschneider jetzt ein Beruf mit Zukunft, wo Geiz sich zum Trend mausert. Aber so richtig billig weg kommt wohl niemand in Zeiten, in denen Frau und auch Mann nicht mehr selbst sind.

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